Die Gründung des Harsewinkeler Feuerversicherungsvereins auf Gegenseitigkeit

Die Gründung des Harsewinkeler Feuerversicherungs-
vereins auf Gegenseitigkeit

Bei einer Versammlung der Amtsvertreter des damaligen Amtes Harsewinkel im Jahr 1902, an der die beiden Gemeindevorsteher Ferdinand Rinklake und Christoph Hagenbrink teilnahmen, tauchte erstmals der Gedanke auf, einen Feuerversicherungsverein auf Gegenseitigkeit für die Bauern der umgebenden Ortschaften zu gründen.

Die beiden Männer traten gemeinsam den Heimweg an und es kam zu einem regen Gedankenaustausch. Die Idee festigte sich in den folgenden Wochen und sie entschlossen sich, sie in die Tat umzusetzen. Beide konnten damals noch nicht ahnen, welche Schwierigkeiten zu überwinden waren.

Aus den überlieferten Akten lässt sich nicht erschließen, warum überhaupt die Idee eine Feuerversicherung zu gründen, in die Tat umgesetzt wurde. Einen Teil der eigentlichen Gründe lassen sich aus heutiger Sicht nur noch vermuten. Zunächst einmal waren die Bauern darüber unzufrieden, dass die Harsewinkeler Gemeindeverwaltung mit der Münsteraner Feuersozietät eng verfilzt war. Da außerdem genossenschaftliche Zusammenschlüsse in landwirtschaftlichen Bereichen um die Jahrhundertwende häufig waren und erste Erfolge der bäuerlichen Selbstverwaltung sichtbar wurden, schwebte auch Ferdinand Rinklake und Christoph Hagenbrink eine derartige Organisationsform vor.

Es gehörte nicht nur Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen und auch “Bauernschläue“ dazu, ans Werk zu gehen, sondern auch ein hohes Maß an Wissen und Können um an königlichen Regierungsstellen einen Fuß zwischen die Amtstür zu bekommen. Ohne verlässlichen Rückhalt bei den Harsewinkeler und Greffener Bauern hätten die Beiden es vermutlich nicht geschafft, ihre Idee in die Tat umzusetzen. Als ein Vorteil erwiesen sich ihre Kenntnisse im Geld- und Genossenschaftswesen. Ferdinand Rinklake arbeitete an führender Stelle in der damaligen Emsgenossenschaft, während Christoph Hagenbrink nicht nur Mitbegründer, sondern auch der Erste Vorsitzende der Greffener Spar- und Darlehnskasse war.

Als erstes suchten die Beiden hilfreiche Ratschläge bei den schon bestehenden Feuerversicherungsvereinen in Greven-Saerbeck und Isselhorst. Mit Hilfe des Bauern Anton Frielmann aus Dackmar wurde sogar Kontakt mit einem ähnlichen Verein ostpreußischer Baartken bei Lichtenfeld aufgenommen. Die Vorsitzenden dieser Vereine gaben ihnen hilfreiche Unterlagen, sodass man der Harsewinkeler Vereinsgründung in kleinen Schritten entgegenarbeiten konnte.

Wenn man sich die Verkehrs- und Kommunikationsmittel der damaligen Zeit vor Augen führt, so ist es erstaunlich, welche Verbindungen ausgeschöpft wurden. Anstelle unbeschwerter Autofahrten mussten kilometerlange Fußmärsche oder Kutschfahrten von etlichen Stunden Dauer angetreten werden; anstatt kurze Telefongespräche zu führen, mussten seitenlange Briefe geschrieben werden.

„Auf Anregung mehrerer Gemeindeeingesessenen findet für die Einwohner der Gemeinde Harsewinkel-Kirchspiel sowie auch für die angrenzenden Gemeinden am Sonntag, dem 17. diesen Monats, gleich nach dem Hochamte im Saale des Gastwirts Havixbrock hier eine Versammlung zwecks Gründung einer Feuerversicherung auf Gegenseitigkeit statt. Zu dieser Versammlung werden alle diejenigen aus den genannten Gemeinde, deren Versicherungsperiode nicht in diesem Jahr abläuft, sowie auch solche, welche noch mehrere Jahre gegen Brandschaden versichert sind und Interesse an der Gründung eines derartigen Vereins haben, hierdurch eingeladen. Harsewinkel, den 9. Januar 1903 Rinklake, Gemeindevorsteher“

Etwas 200 Bauern besuchten diese erste Gründungsversammlung. Aus heutiger Sicht mag man sich über die starke Beteiligung wundern; wenn aber damals führende Bauern zu einer Versammlung aufriefen, so war es selbstverständlich, dass alle anderen Bauern der Einladung folgten. Außerdem gab es damals so gut wie keine Lokalpresse, die über die Versammlung hätte berichten können. Jeder, der an dem Anliegen der beiden Gemeindevorsteher interessiert war, musste also persönlich erscheinen. Diese hohe Zahl war natürlich auch ein Ausdruck des Protestes gegen den “Verwaltungsklüngel“ in Harsewinkel und Münster.

In der Versammlung wurde ein Arbeitsausschuss gebildet und Ferdinand Rinklake mit der weiteren Ausführung des Vorhabens beauftragt. Nun erst traten die größten Schwierigkeiten auf, da sich die Harsewinkeler und Münsteraner Verwaltungsbehörden der Gründung entgegenstellten. War eine Forderung, die vor der Gründung und vor dem Arbeitsbeginn erfüllt sein musste, erledigt, so konnten die Initiatoren sichersein, dass darauf bald eine neue folgen würde. Dieses ständige Fordern der Amtsstellen und Erfüllen von Seiten der Gründer zog sich über fünf Jahre hin. Es gehört schon die Ruhe und Bedächtigkeit eines Bauerngemüts dazu um solchen Schwierigkeiten nicht mürbe zu werden.

Einen guten Beistand fanden die Harsewinkeler allerdings in dem Rechtsanwalt und späterem Justizrat Dr. Brinkmann aus Gütersloh. Findige Köpfe hatten entdeckt, dass die Juristen des Kreises Warendorf, die oberen Beamtenkreise des Regierungsbezirks Münster und die Angestellten der Provinzial-Feuersozietät verfilzt waren, sodass eine neu entstandene kleine Versicherung nur schwer Fuß fassen konnte. Der Gütersloher Rechtsanwalt Brinkmann war demgegenüber dem Regierungsbezirk Minden zugeordnet und hat sich nicht zuletzt deswegen mit Wohlwollen und Energie für die neu entstandene Harsewinkeler Versicherung eingesetzt.Liest man das Aktenbündel, das sich auf die Zeit vor der eigentlichen Gründung bezieht, so kann man nur feststellen, dass es heute unmöglich wäre, so eine Idee in die Tat umzusetzen. Schon an der Forderung des Sicherheitsfonds würde alles kläglich scheitern.

Damals verlangte nämlich die Verwaltungsbehörde, dass zur Aufnahme der Geschäftstätigkeit ein Gründungsfond, von über 100.000 Reichsmark aufgebracht werden musste. Dieser Fond wurde von 201 Mitgliedern zusammengelegt, sodass am 3. Februar 1908 ein Fondsbetrag von 129.000 RM nachgewiesen werden konnte. 25% des Gesamtbetrages (32.250 RM) waren in bar eingezahlt, 75% (96.750 RM) in Sichtwechsel hinterlegt worden.

Sicher hat so mancher Bauer nächtelang überlegt, ob er einen derartigen Wechsel unterschreiben sollte. Seine Unterschrift bedeutete nämlich, dass er die Summe, die auf dem Wechsel eingetragen war, bei Sicht, d.h. wenn der Wechsel vorgelegt wurde, innerhalb von acht Tagen bar zahlen musste. Um sich die ungefähre Größe der Summe vorstellen zu können, muss man sich den damaligen Kaufwert verdeutlichen: 1.000 RM im Jahr 1908 entsprechen einem heutigen (2011) Kaufwert von etwa 7.000 Euro. Gemessen an einem durchschnittlichen Einkommen ist die relative Bedeutung einer Mark im Jahr 1908 allerdings höher einzustufen, als für 7 Euro im Jahr 2011. Schon daran kann ermessen werden, wie wertvoll den damaligen Bauern die Gründung eines eigenen Versicherungsvereins gewesen sein muss. Ein Amtsgerichtsrat, der dem Vorhaben nicht ganz so wohlwollend gegenüber stand, kommentierte diesen Plan, den Gründungsfonds zusammenzutragen, mit dem lapidaren Satz: „Werfen Sie das Geld besser in die Ems, dann hören Sie es wenigstens plumpsen!“

Noch bevor die Satzung bestätigt war, zahlte der Feuerversicherungsverein der Freiwilligen Feuerwehr in Harsewinkel einen Geldbetrag um ihre Arbeit zu unterstützen. Die Feuerwehr besaß zwar schon eine Spritze, etliche Ledereimer und einen Wasserwagen. Die Ausrüstung musste aber immer wieder ergänzt werden und daran beteiligte sich – neben der großen Versicherung – auch der Harsewinkeler Feuerversicherungsverein. Noch heute zahlen die Feuerversicherungsvereine und -gesellschaften Beiträge, die vom Land Nordrhein-Westfalen als Feuerschutzsteuer erhoben werden, an den Fiskus. Aus diesen Einnahmen werden Städten und Gemeinden Beihilfen gewährt um die Feuerwehren zu unterhalten.

Die erste Satzung des Vereins konnte am 5. Januar 1908 bei der Aufsichtsbehörde Münster eingereicht werden und es dauerte über zehn Monate, bis der Regierungspräsident am 16. November das 22 Seiten umfassende Statut genehmigte. Nachdem am 10. Dezember 1908 die erste ordentliche Generalversammlung des Vereins stattfand, nahm der Vorstand am 1. Januar 1909 die lange angestrebte Tätigkeit auf.

Der Erste Weltkrieg und die Inflation

Mit Bedacht und Vorsicht war die erste Satzung des Vereins verfasst worden, um zunächst zu vermeiden, für größere Schäden sofort aufkommen zu müssen. Unter § 3 heißt es: “Der Verein nimmt nur diejenigen beweglichen und unbeweglichen Sachen in Versicherung, welche in den Kreisen Warendorf und Wiedenbrück außerhalb der geschlossenen Ortschaften liegen.“ Beim Verfassen dieses Satzes hatten die Gründer vermutlich noch den großen Brand vom 16. September 1884 in Erinnerung. Ein großes Feuer hatte damals binnen kürzester Zeit neun Häuser am Harsewinkeler Kirchplatz vernichtet.

In den ersten fünf Jahren wurden nur geringe Brandschäden registriert, sodass ein kleines Finanzpolster angesammelt werden konnte. Der erste Schaden, der vom Verein mit dem Betrag von 50 RM zu begleichen war, war „ein vom Blitz erschlagenes Schwein“, wie es im ersten Geschäftsbericht heißt. Die Versicherungssumme betrug im ersten Geschäftsjahr 1.303.934 RM, während sich die Beitragszahlungen zu dem noch geringen Betrag von 2.589,82 RM summierten. Erst 1913 musste der erste größere Brandschaden beglichen werden; das Vereinskapital war bis dahin schon soweit angewachsen, dass man in diesem Jahr trotzdem noch mit einem Gewinn von 2.221,02 RM abschließen konnte.

Trotz Zeichnung einer hohen Reichsanleihe überstand die noch junge Feuerversicherung die Jahre des Ersten Weltkrieges. Einen finanziellen Tiefschlag erlitt sie allerdings durch die Inflationswirren des Jahres 1923, in der die Mark bis auf ein Billionstel entwertet war. Ein Jahr später musste der Verein, da die Kasse durch die Entwertung leergefegt war, finanziell neu anfangen. Der Vorstand beschloss, einen höheren Jahresbeitrag als gewöhnlich, nämlich nun 80% des vollen Jahresbeitrages, zu erheben.  Da sich in diesem Jahr zu allem Unglück auch noch die Brandschäden häuften, sahen sich die Vorstandsmitglieder gezwungen, in einer Umlage noch einmal 50% des Jahresbeitrages nach zu heben; so hatten die Mitglieder in diesem Jahr 130% zu zahlen. Dies war jedoch eine einmalige “Zwangs-„ Maßnahme, denn weder vorher noch nachher war derartiges Vorgehen nötig geworden. In der damaligen Situation war das für die Mitglieder eine harte Erschwernis, aber die meisten blieben trotz einiger Austritte ihrer Versicherung treu.

An dieser Stelle muss allerdings bedacht werden, dass die Harsewinkeler Versicherung noch keiner Rückversicherung angeschlossen war. Die Aufsichtsbehörde hatte dies noch nicht zur Auflage gemacht. Außerdem  war man damals gar nicht erst auf den Gedanken gekommen, mehrere Genossenschaftsverbände noch einmal genossenschaftlich zusammen zu schließen, da man der Überzeugung gewesen war, ein abgesicherter Reservefonds würde den extremen Anforderungen schon genügen.

Durch die Betroffenheit in der Inflationszeit wurde auch in den anderen Versicherungsvereinen überlegt, wie man solchen Krisensituationen künftig besser entgegnen könnte. Die Harsewinkeler Feuerversicherung beteiligte sich bei einer in dieser Zeit abgeschlossenen Mitversicherung für Überschäden, die von allen Münsterländer Vereinen sowie dem Isselhorster und dem Reckenberger Versicherungsverein getragen wurde. Das bedeutete, dass bei einer Schadenanhäufung, die den 80%igen Jahresbeitrag eines Vereins überstieg, diese Rückversicherung den einzelnen Verein finanziell unterstützte.

Der Börsenkrach und der Zweite Weltkrieg

Der Börsenkrach in New York am “Schwarzen Freitag“ (29. Oktober 1929) löste eine Finanzkrise aus. Die zunächst die Vereinigten Staaten, aber schon bald auch die europäische Wirtschaft erfasste. Besonders hart wirkte sich die Krise in Deutschland aus, das sich ja gerade erst von der Inflation erholt hatte; vor allem die Landwirtschaft durchlebte nun eine ihrer schwersten Zeiten.

In den Protokoll- und Pfändungsbüchern aus jenen Jahren findet sich der Niederschlag dieser krisenhaften Entwicklung. Die hohe Verschuldung in der Landwirtschaft erschwerte es den Mitgliedern des Harsewinkeler Feuerversicherungsvereins, pünktlich ihre Beiträge zu zahlen. Der Rendant musste so manchen Brief aufsetzen, in dem er um Zahlung der Gelder bat, die ja auch für den Verein lebenswichtig waren. Mitglieder, die zwanzig Jahre vorher das hohe finanzielle Risiko bei der Gründung des Vereins mitgetragen hatten, wussten nun kaum noch, wie sie ihre Beiträge zum festgesetzten Termin zahlen sollten. Erst 1935 schien sich die Wirtschaft langsam zu stabilisieren, in Deutschland nicht zuletzt durch die Ankurbelung der Rüstungsindustrie. Auch im landwirtschaftlich geprägten Westfalen ging es langsam wieder bergauf; so ist in einem Protokoll des Vereinsvorstandes vom 14. Januar 1935 zu lesen, „dass die 50%ige Aufwertung der Gründungsfondsgelder zinslos zurückgezahlt wurde“.

Im Jahre 1935 spürte auch der Harsewinkeler Verein die starke Hand des diktatorischen Regimes. In Berlin wurde die Wirtschaftsgruppe “Privatversicherungen der Reichsgruppe Versicherungen“ eingerichtet, der alle privaten Versicherungen zentralistisch zugeordnet wurden. „Alle Anordnungen sind genauestens zu befolgen!“ hieß es in einer der ersten Arbeitsanweisungen aus der Berliner Viktoriastraße, in der die oberste Führung ihren Sitz hatte. Die Harsewinkeler Versicherung wurde jetzt auch zwangsweise Mitglied der “Deutschen Arbeitsfront“.

Eine Reichsautobahnanleihe wurde 1936 verordnet. Das betreffende Schreiben trug den Stempel “Streng geheim“ und es wurde bei Strafe davor gewarnt, die Presse von dieser Verordnung zu unterrichten. Vermutlich sollte der Schein gewahrt bleiben, die Autobahnen würden von der nationalistischen Regierung sowohl geplant als auch durch Steuermittel finanziert.

Im Jahr 1937 wurde eine Reichsanleihe verordnet, denn das Steuereinkommen des “Tausendjährigen Reiches“ reichte schon lange nicht mehr aus, das Rüstungsprogramm Adolf Hitlers zu tragen. In diesem Jahr hatte der Harsewinkeler Verein jedoch so hohe Schadenauszahlungen, dass der Vorstand Berlin um Aussetzung bitten musste. Bis 1942 wurden immer wieder Reichsanleihen vom Reingewinn verordnet, ab 1942 bis zum Kriegsende hieß es dann „75% aller verfügbaren Mittel müssen für langfristige Anlagezwecke zur Verfügung stehen.“ Mit diesen “langfristigen Anlagezwecken“ war natürlich, wie unschwer vermutet werden kann, die Versorgung mit Rüstungsgütern gemeint.

„Schäden, die durch Feindeinwirkung entstehen, werden vom Reich übernommen“ – so hieß es damals. Nach dem Zusammenbruch der nationalistischen Diktatur gab es eine Zeit, in der niemand so recht wusste, wer für die letzten Kriegsbrände aufzukommen hatte. Den Mitgliedern musste geholfen werden und so beschloss die Generalversammlung – in Zweifelsfällen ist sie das Ausschlaggebende und oberste Organ des Vereins -, dass mehrere Kriegsschäden aus dem Frühjahr 1945 aus den Mitteln des Harsewinkeler Vereins reguliert werden sollten.

Die Währungsreform und Wirtschaftswunderzeit

In der Folgezeit, von 1945 bis 1948 gab es geschäftlich kaum Schwierigkeiten, denn größere Schäden wurden nicht registriert und Geld, mit dem man ohnehin nichts kaufen konnte, war mehr als genug im Umlauf. Erst mit der Währungsreform vom Juni 1948 erhielt das Geld wieder Wert und damit Kaufkraft. Die umlaufende Geldmasse wurde erheblich dezimiert. Das neue Geld, die “Deutsche Mark“, ersetzte nun die Reichsmark, die Rentenmark und die alliierte Militärmark, die ab dem 21. Juni 1948 für ungültig erklärt wurde.

Für die Geschäftsführung des Harsewinkeler Feuerversicherungsvereins war das “Reichsmarks-Umstellungsgesetz“ vom 17. Juni 1948 entscheidend. Das Altgeld wurde im Verhältnis 10:1 eingetauscht. Die Hälfte des Neugeldes kam auf ein sogenanntes Freikonto, die andere Hälfte auf ein Festkonto. Nach dem Festkontengesetz vom 7. Oktober 1948 wurde der Betrag auf dem Festkonto zunächst blockiert, von dem dann nochmals per Gesetz 70% gestrichen wurde. Die Bank- und Sparguthaben wurden im Endeffekt also nicht im Verhältnis von 10:1, sondern nur im Verhältnis 10:0,65 auf die neue Währung umgestellt. Wer 100 Reichsmark auf einem Konto hatte, erhielt dafür nur noch ganze 6,50 DM, und nicht, wie allgemein vermutet wird, zehn DM. Nach dieser Umstellung auf die neue Währung verliefen die Geschäfte des Vereins normal, denn wie schon des Öfteren in der Geschichte des Harsewinkeler Vereins gab es zunächst wieder keine größeren Schäden, die ihn in eine bedrohliche Situation hätten führen können.

Drei Jahre nach der Währungsreform trat der Zusammenschluss der Münsterländer Vereine a.G. dem OIdenburger Verband der Versicherungsvereine bei, in dem sich nun 48 Vereine zu einer Interessengemeinschaft zusammenschlossen. Unter der Führung des Direktors Heinrich Hilge von der Nadorster Feuerversicherung in Oldenburg wurde eine Arbeitsgemeinschaft Rückversicherung für Überschäden gebildet. Sie schloss sich über die Assekuranz Bruno Mohr in Hamburg der Münchener Rückversicherung an. Die als Versicherungsunternehmen seit 1873 besteht. Das bedeutet für alle Mitglieder des Harsewinkeler Vereins, dass ihr Versicherungsschutz voll gewährleistet ist, ohne das eine Nachhebung, wie sie nur 1924 erfolgen musste, nötig wird. Wirtschaftsprüfer Dr. Wolfgang Heubaum hielt 1979 zu diesem Rückversicherungsverhältnis fest:

„Bei voller Auslastung dieses Rückversicherungsschutzes müssten die Bruttoschäden eines Jahres einen Betrag von rd. 23,7 Mio. DM erreichen. (…) Eine Wahrscheinlichkeit für Schadenfälle dieser Größenordnung besteht nicht.“

Bei der Gebäudeversicherung wird seit dem 1. Januar 1953 die gleitende Neuwertversicherung zugrunde gelegt. Der Wert der versicherten Wohn-, Geschäfts- und landwirtschaftlichen Gebäude wird, um ihn an die ständigen Kostenänderungen im Bauwesen anzugleichen, auf einen gemeinsamen Nenner gebracht, nämlich auf die Versicherungssumme des Jahres 1914. Sind die effektiven Neubaukosten eines Jahres bekannt, kann durch Umrechnung dieser “Versicherungssumme 1914“ ein Index errechnet werden. Das Jahr 1914 wird zugrunde gelegt, weil es das letzte Jahr konstanter Baukosten beschreibt.

Die Indexzahl des betreffenden Jahres ist vom Statistischen Bundesamt errechnet. Die festgestellte Versicherungssumme 1914 gilt nicht nur als Maßstab, an dem der jährliche Versicherungsbeitrag bemessen wird; sie bestimmt auch, ob zum Beispiel im Falle eines Totalschadens mit der Entschädigung ein Haus in gleicher Größe und Ausstattung wieder aufgebaut werden kann.

Das bislang größte Schadensjahr für den Verein war 1958, in dem drei große Bauernhöfe den Flammen zum Opfer fielen. Nun kam der Vertrag mit der Rückversicherung zur Geltung, denn sie sprang für den übermäßig hohen Schaden in die Bresche. Der Vereinsvorstand brauchte noch nicht einmal den Reservefonds, der für den Notfall angelegt wurde, anzuzapfen.

Die Siebziger und danach

Auch 1979 erwies sich als ein Jahr mit einer hohen Schadenssumme (526.000 DM), die einen Anteil von 74,35% des Jahresbeitragsaufkommens ausmachte. Trotzdem bestätigte der Wirtschaftsprüfer Dr. Wolfgang Heubaum dem Verein ausgerechnet in diesem Jahr einen hohen Grad an Stabilität:

„Der Versicherungsbestand weist die erforderliche Festigkeit auf. Die Beiträge konnten auf einem niedrigen Niveau relativ konstant gehalten werden. Die Geschäftsführung wird nach dem Ergebnis der Prüfung gewissenhaft und sachkundig wahrgenommen. Die getroffenen Maßnahmen sind geeignet, den Bestand des Vereins zu erhalten.“

Korrekte Schadensregulierung, relativ niedrige Beiträge – durchschnittlich werden zwischen 60 – 70 Prozent vom eigentlichen Jahresbeitrag (=100 Prozent) erhoben -, eine vertrauensvolle Verbindung zwischen den Mitgliedern, der Geschäftsführung und dem Vorstand führte und führt noch immer zu einer stetig wachsenden Mitgliederzahl und zu einer Erweiterung der Geschäftsbereiche.

Der Verein versichert nun nicht mehr nur gegen Feuer, sondern seit 1973 auch gegen Sturm- und Wasserschäden. Seit 1982 werden die verbundene Gebäudeversicherung (VGV) und die verbundene Hausratversicherung (VHV) angeboten, seit dem 1. Januar 1983 kann auch eine Glasversicherung abgeschlossen werden. Diese Kombinationen wurden durch die Satzung vom 24. November 1982 ermöglicht, die vom Bundesaufsichtsamt in Berlin genehmigt wurde. Der Harsewinkeler Feuerversicherungsverein auf Gegenseitigkeit konnte im Jahr 1982 auf über 1650 Mitglieder und eine Versicherungssumme von 1,5 Milliarden DM mit ca. 4.000 Verträgen verweisen.

Durch die Aufnahme der Sparten Wohngebäude- und Hausratversicherung nahm das Privatkundengeschäft immer mehr zu.

Der Harsewinkeler Versicherungsverein entwickelte sich vom Spezialversicherer für die Landwirtschaft zu einem Sachversicherer auch für das Privatgeschäft. Der Versicherungsverein konnte in den achtziger Jahren viele Hausbesitzer von seiner Leistungskraft überzeugen. 

Durch den Abschluss von angemessenen Rückversicherungsverträgen können auch große Schäden abgewickelt werden, ohne die Substanz des Unternehmens zu gefährden.

Es stellte sich dann aber auch heraus, dass die Verwaltung der vielen neuen Verträge professioneller gestaltet werden musste. Die Arbeit war nebenberuflich nicht mehr zu schaffen.

1995 wurde dann der bisher nebenberuflich tätige Geschäftsführer hauptberuflich eingestellt.

Schon kurze Zeit später wurde die  Einstellung eines weiteren Mitarbeiters erforderlich.

Nicht nur die Kundenberatung sondern auch die allgemeinen Verwaltungsarbeiten konnte nur so ordnungsgemäß erledigt werden.

Dies alles war nicht mehr möglich in einem kleinen Büroraum im Privathaus des Geschäftsführers.

Der Vorstand beschloss den Kauf eines Grundstücks am Tecklenburger Weg in Harsewinkel.

Auf dem Grundstück wurde dann ein Wohn- und Geschäftshaus errichtet, in das auch die Geschäftsstelle der Versicherung einzog.

Dies war sicherlich damals eine mutige Entscheidung und die größte Investition in der Geschichte des Vereins.

Die Eröffnung des Büros zog auch mehr Kunden an.

Die Zahl der Mitglieder und die Beitragseinnahmen stiegen kontinuierlich.

Im Januar 2007 konnte dann die Versicherung die Leistungsstärke beweisen. Das Sturmtief Kyrill

zog auch über das Geschäftsgebiet hinweg. Es mussten in kürzester Zeit annähernd 500 Schäden bearbeitet werden. Neben der finanziellen Belastung war dies eine große logistische Aufgabe, die aber durch den Zusammenhalt von Mitgliedern und der Versicherung gut gemeistert wurde.

2008 stand der Vorstand vor einer Grundsatzentscheidung zur zukünftigen Geschäftsführung.

Um auf Dauer die aufsichtsrechtlichen Vorgaben erfüllen zu können, wurde beschlossen die Vereinsführung grundlegend zu ändern

Neben dem Vorstand, der sich dann noch aus 3 Personen zusammensetzen sollte, wurde die 

Bildung eines Aufsichtsrates beschlossen.

Hierfür war eine umfassende Satzungsänderung erforderlich. Es bedurfte schon einiger Überzeugungsarbeit um letztendlich die für die Änderung erforderliche Mehrheit der Mitglieder zu gewinnen.

Die Geschäfte des Vereins wurden dann ab 2010 von einem ehrenamtlichen und 2 hauptamtlichen  Vorstandsmitgliedern geführt. Beaufsichtigt wird der Vorstand von einem 5-köpfigen Aufsichtsrat.

Die Zahl der Mitglieder und die Beitragseinnahmen stiegen weiter. Gleichzeitig wurde verstärkt die Vermittlung von insbesondere KFZ- und Privathaftpflichtversicherung nachgefragt.

Weitere Mitarbeiter wurden eingestellt. Die Büroräume in Harsewinkel wurden zu klein.

Es konnte dann ein Grundstück mit Gebäude in Harsewinkel Greffen von der Volksbank gekauft werden. Auf einem Teil des Grundstücks wurde dann die heutige Geschäftsstelle komplett neu nach dem Bedarf der Versicherung errichtet und im August 2014 bezogen.

Hier sind inzwischen 5 Mitarbeiter beschäftigt.

Lt. Geschäftsbericht 2017 zählt die “Harsewinkeler Versicherung VaG“, so der offizielle Name lt. Satzung, 2665 Mitglieder und versichert in 7.700 Verträgen Sachwerte von 2,7 Mrd. €.

In den nicht selbst betriebenen Sparten werden in Kooperation mit ausgewählten Partnern alle Versicherungen angeboten.

Das Modell „Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit“ als Versicherung „in der Region für die Region“ ist sicherlich als Erfolgsmodell zu bezeichnen.

Ob die Gründer vor über 100 Jahren wohl an eine derartige Entwicklung geglaubt hätten, wenn es ihnen jemand prophezeit hätte?